Audiophile 4/2001

Aus der alten Welt

Lautsprecher Lowther Acousta 115

Wer einen Lowther-Breitbänder besitzt, muss stark sein: Täglich neuem Spott trotzen, die Schmähungen zahlloser Besserwisser ertragen. Dennoch gewinnt das uralte Bauprinzip neue, glühende Verehrer. Der Autor wollte wissen, warum- und fing selbst Feuer.

Als meine Lowther entwickelt wurden, gab's noch keinen Pop; drum klingen die nur mit Jazz und Klassik richtig gut. „Soso, dann lass mal hören, haste 'Dead Can Dance' da?“ „Klar, hörst Du den Bass?“ „Den was?“ „Na, den Bass!“ „Nö, eigentlich nicht.“ „Der kommt einfach tierisch gut.“ „Tatsächlich?“

Etwa diesen Verlauf nahm vor einigen Jahren mein erstes Gespräch mit einem Lowther-Besitzer. Er stellte obskure Thesen über die Qualitäten seiner Lautsprecher auf, schwärmte von Klangzauber, der meinen Ohren verborgen bleibe (Bass...), und stellte sich auch noch auf den verhassten „Pop ist doof“-Sockel. Ich steckte ihn in meine für derartige Erscheinungen reservierte Schublade „HiFi-Psychopath“. Ein allerletzter Zweifel allerdings blieb, ein Eindruck, der das reibungslose Schließen jener Schublade verhinderte: Die Stimmwiedergabe der Lowthers - sie besaß Leichtigkeit und Schwung, wie ich es bei Mehrwege-Boxen bis dato nie erlebt hatte. Okay, sagte ich mir, das mit den Stimmen war klasse, aber sonst war der Klang fragwürdig ausgezehrt und dünn - unterm Strich ganz klares Psychopathen-HiFi.

Bereits auf ganz anderem Niveau spielte vor zwei Jahren auf unser aller Fetischmesse, der High End, das skulpturartige und zimmerhohe, mit einem Lowther-Treiber bestückte Carfrae-Horn. Es agierte ziemlich lebendig, vor allem aber räumte es meine Vorbehalte bezüglich der Lowther-Tonalität aus. Auch die Carfrae war nicht eben ein Vorzeige-Bassmonster, vermittelte dafür aber recht überzeugend die Vorteile von Einweg-Systemen.

Auf der diesjährigen Messe (die mir übrigens in der Vorführmusik-Auswahl eindeutig zu altherrenblueslastig war) gehörten zu meinen persönlichen Favoriten dann schon gleich drei Breitband-Boxen. So tönte ein Jordan-Treiber bei 47 Laboratories mit Macht auf den Hotelflur hinaus, und Black Forest Audio ließ es beeindruckend mit Fertin-Breitbändern krachen. Der Dritte im Bunde war das Lowther-bestückte Beauhorn, über das Elliott Smiths Stimme von seiner gleichnamigen Platte ungekannt facetten- und klangfarbenreich tönte. „Also scheint's doch zu funktionieren mit dem Lowther-Zeug“, dachte ich mir, und als sich dann die Gelegenheit bot, eine Lowther-Box zu testen, meldete ich Interesse an.

Der Ursprung dieser Marke liegt in den 30er Jahren, als ein gewisser P.A.G.H. Voigt das Doppelkonusprinzip patentieren ließ. Lowther ist dieser Bauform bis heute treu geblieben; es wurden im Lauf der Jahrzehnte ungezählte Gehäuse für Lowther-Chassis entworfen und umgekehrt viele verschiedene Chassis für gelungene Gehäusekonstruktionen entwickelt. Die technischen Grundlagen dieser handgefertigten Treiber sind ähnlich - leichte Papiermembranen mit Hochtonkegel, teils bizarr geformte Phaseplugs, starke Magneten, geringer Maximalhub (±1 mm). Sie variieren in ihren technischen Parametern sowie in der Art des Magnetmaterials: Neben klassischen Ferrit- (C-Serie) und ultrakompakten Seltenerdmagneten (DX-Serie) genießen die Alnicos der A-Modelle bei Fans fast schon kultische Verehrung.


Experimentieren erlaubt: Die Lowther wird in der Standard-Version mit einem DX-2-Treiber (links außen) ausgeliefert. Er ist eine neue Konstruktion mit Neodym-Magnet. Daneben der Alnico PM6A (Mitte) sowie das alternative Chassis von AER.

Die hier getestete Acousta 115 ist nach unseren HiFi-Begriffen schon beinahe ein Dinosaurier; ihre Konstruktion reicht in die 50er Jahre zurück. Ihre altmodischen Proportionen (breiter als tief) haben aber wenig mit der damaligen Mode zu tun - die breite Schallwand gibt vielmehr dem Chassis im Mitteltonbereich Unterstützung. Tiefton liefert ein gefaltetes Basshorn mit 1,8 Metern Länge. Das Gehäuse der Acousta lässt der deutsche Vertrieb anfertigen; nur nervenstarke Holzwürmer sollten versuchen, es selbst zu zimmern. 

Schon die lange Historie dieser Konstruktion legte es nahe, beim Test verschiedene Chassis in der Acousta 115 auszuprobieren. So kam mit dem AER-Treiber zunächst ein moderner Lowther-Nachbau aus deutschen Landen zum Einsatz, der breitbandiger (sic!) und präziser als die englischen Originale spielen soll. Leistung lieferten diverse Röhrenverstärker, allen voran der superbe Musiqa von More Fidelity sowie der absurd günstige kleine Spark Vollverstärker. Als MM-Phonostufe diente die bewährt farbig spielende MAC von Tube Technology mit einem MC-Übertrager von Auditorium 23; ein EMT-Plattenspieler lieferte die Signale. Als Boxenkabel dienten die erstklassigen, mit 1500 Mark pro Stereometer leider teuren Audio-Note-Silberlinge AN-SPe. 

In der Startkombination stellte sich ein leicht feindseliges Klangbild ein. Wie ein böser Zwerg fistelte uns die Acousta an. Zwar spielte sie äußerst flink und löste in den oberen Mitten und Höhen enorm fein auf; sie hielt sich aber im restlichen Frequenzspektrum zu sehr zurück. Stimmen klangen entfernt und ohne Körper, sodass die alten Vorurteile vom anämischen Lowther-Klang in mir aufkeimten.

Schnell war wieder der serienmäßige, mit einem Neodym-Magneten bestückte DX-2-Treiber montiert, den Lowther seit 1997 baut. Und siehe da - die ersten Töne klangen gleich versöhnlicher. Der DX-2 ergänzte die (bereits mit AER-Bestückung vorhandene) Schnelligkeit um Körper und Farbe. Die Stimmwiedergabe stand nun im rechten Verhältnis zum restlichen Geschehen. Der böse Fistelzwerg war somit verscheucht, es klang nun einladend und - involvierend! Auf dem wunderbaren Album „Nafas" von Rabih Abu-Khalil (ECM) forderte die solo einsetzende Flöte meine ganze Aufmerksamkeit: „Hör mir zu, ich werde nur für Dich gespielt.“ Als die Rahmentrommel einsetzte und das klagende Flötenspiel intensiver wurde, fühlte ich mich dieser kargen, scheinbar mitten aus der Geröllwüste kommenden Musik so nahe wie noch nie. Den Abu-Khalil muss ich Ralf vorspielen, dachte ich mir. Der Besitzer eines wahrlich großen Hornsystems staunte nicht schlecht, als Oud-Fex Abu-Khalil und seine Mannen dann auch für ihn musizierten: „Das tut ziemlich gut - aber was meinst Du, was erst passiert, wenn Du den Alnico PM6A reinhängst, für den die Acousta ursprünglich konstruiert wurde!“ Wir wechselten die Chassis, und noch einmal Abu-Khalil. Erst Flöte, dann Rahmentrommel. Wir schauten uns an. „Jetzt wird's ernst“, sagte ich - Ralf kicherte und meinte nur: „Au weia.“

Das, was wir jetzt hörten, hatte ich wirklich nicht erwartet. Im Grundton hatte die Wiedergabe weiter an Kraft gewonnen; der Klang der Flöte schien noch stärker auf den eigentlichen Ton als auf begleitende Luftströmungsgeräusche fokussiert zu sein, und die Rahmentrommel tönte noch beherzter, hatte nun noch mehr Körper und Wucht. Weniger Auflösung? Mag sein. Das DX-2 lieferte oben raus mehr Details und bot in diesem Bereich auch ein wenig mehr Dynamik. Aber dieses Mehr an Information erschwerte den Zugang zur Musik eher - die Wiedergabe wirkte vergleichsweise nervös. Was nicht falsch verstanden werden soll: In Sachen Timing und Spannung standen sich die beiden Chassis in nichts nach. Der Zugang zur Musik schien mir aber via PM6A selbstverständlicher.

In einer sorgfältig abgestimmten Kette gewährte die Acousta einen extrem direkten Weg zur Musik, der selbst Skeptiker wie mich überzeugte. Das technisch-naturwissenschaftliche HiFi-Gewissen mag sich dagegen wehren - doch die Musik sagte mit jeder Stunde lauter: „Komm mit!“